„Ein Projekt ist ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus einem Satz von abgestimmten, gesteuerten Tätigkeiten besteht und durchgeführt werden kann, um unter Berücksichtigung von Vorgaben wie etwa Zeit, Ressourcen (zum Beispiel Finanzierung bzw. Kosten, Produktions- und Arbeitsbedingungen, Personal und Betriebsmittel) und Qualität ein Ziel zu erreichen.“ (Quelle: Wikipedia)
Nach dieser Definition ist der Fußball der Frauen beim VfB tatsächlich ein Projekt. Genau darin liegt das Problem. Man hat sich zeitlich gebundene Ziele gesetzt (z.B. „Aufstieg in die 1. Frauen-Bundesliga innerhalb von zwei Jahren“) und hat die notwendigen Ressourcen für dieses Ziel zur Verfügung gestellt.
Und auch der VfB selbst sieht den Frauenfußball offensichtlich als ein Projekt:
- Sascha Glass: „Das Projekt VfB Frauen wird von ganz oben getragen.“ (Quelle)
- Jana Beuschlein: „… dass der VfB aktuell eines der spannendsten Projekte im Frauenfußball darstellt.“ (Quelle)
- Verena Wieder: „Das Projekt‚ VfB-Frauenfußball‘ ist extrem interessant.“ (Quelle)
- Mira Arouna: „Das Projekt, das der VfB gestartet hat, entwickelt sich sehr gut …“ (Quelle)
Aber schon in der obigen Definition verbirgt sich ein kleines Wort, das gut zeigt, warum ich ein Problem mit dem Begriff „Projekt“ habe: es ist nämlich von einem „einmaligen Vorhaben“ die Rede. Einem Vorhaben, das irgendwann auch mal zu Ende sein sollte – was ja ganz hoffentlich nicht auf den Fußball der Frauen und Mädchen beim VfB zutrifft!
Nun könnte man dem entgegnen, dass es lediglich eine Vokabel ist und man vielleicht auch einfach nur ein bisschen unbewusst nach außen trägt, wie man intern mit dem Thema umgeht. Aber meiner Wahrnehmung nach zeigt sich genau darin ein tieferliegendes „Problem“: Der Frauenfußball beim VfB hat es auch intern noch nicht wirklich geschafft, sich in Gänze zu etablieren. Oder anders gesagt: Man gesteht ihm weiterhin nicht die Position zu, die ihm eigentlich zustehen sollte.
Ein ganz einfaches, aber sichtbares Zeichen sehe ich bei jedem Heimspieltag der Herren: Da wird vor dem Spiel und in der Halbzeitpause immer von den Ergebnissen der anderen Mannschaften berichtet. Bei den männlichen Teams werden Ergebnisse und Tabellen bis hinunter zur U17 gezeigt. Bei den Frauen findet dagegen meist nur die erste Mannschaft statt. Warum eigentlich?
Auch der Text nach dem Pokalspiel der Herren geht in eine ähnliche Richtung:
Der 51-Jährige (Anm. d. Red.: Alexander Wehrle) lobte zugleich die Leistungen in den weiteren sportlichen Bereichen: „Unsere Frauenmannschaft hat mit dem Aufstieg in die Bundesliga ein großes Ziel erreicht. Zudem freuen wir uns sehr über zwei Titelgewinne auf Nachwuchsebene, die Ausdruck der hervorragenden Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum sind.“ Die U19 sicherte sich am Freitag, 22. Mai 2026, die Trophäe im DFB-Pokal der Junioren, die U17 gewann am vergangenen Samstag, 16. Mai 2026, die Deutsche Meisterschaft. Allesamt Leistungen und Erfolge, die den eingeschlagenen Weg des VfB Stuttgart bestärken.
Auch hier wird sichtbar, wie unterschiedlich Erfolge eingeordnet werden: Die Frauenmannschaft wird als großer sportlicher Erfolg erwähnt, der männliche Nachwuchs dagegen als Ausdruck strukturell hervorragender Arbeit. Das mag nicht bewusst so gemeint sein, sagt aber dennoch etwas über die Wahrnehmung aus.
Ein weiteres kleines Beispiel: Seit geraumer Zeit versuche ich auf Bluesky, die VfB Frauen und den e.V. sichtbarer zu machen, weil der Club diese Plattform selbst bislang nicht aktiv bespielt (wohl aber für die Herren). Ja, diese Plattform ist wahrscheinlich aus Sicht des VfB nicht so relevant wie Twitter, aber gerade in der Phase einer Etablierung einer neuen Abteilung darf man meiner Meinung nach nicht einfach nur Kosten und Nutzen gegenüberstellen, sondern muss einfach erst mal investieren.
Es sind die kleinen Dinge. Aber es wäre doch so einfach und würde die Mädchen und Frauen noch präsenter machen und so bei den Fans verankern. Nebenbei: Auch die Presse und ihre Podcasts dürfen sich gerne etwas mehr strecken und zum Beispiel die Frauen nicht nur unter „Sonstiges“ oder „Neues aus dem NLZ“ verstecken …
Ein anderer Aspekt, den ich zumindest von Außen beobachte, geht da viel tiefer: Wenn man ehrlich ist, dann besteht schon jetzt ein sehr großes Gefälle zwischen der ersten Frauenmannschaft und den anderen Mannschaften. Nicht nur in der Kommunikation, sondern auch im Umgang. Aus dem Umfeld waren wiederholt Hinweise zu hören, dass es unterhalb der ersten Mannschaft weiterhin deutliche Unterschiede in Ausstattung und organisatorischer Unterstützung gibt. Dabei geht es offenbar nicht um Luxus, sondern um grundlegende Dinge wie Ausrüstung oder die konsequente Nutzung vorhandener Infrastruktur. Viele kleine und größere Dinge, die in der Summe aber nur den Schluss zulassen, dass der Fokus zu einem übergroßen Maße nur auf das „Aushängeschild“ 1. Mannschaft gelenkt wird. Sollten diese Rückmeldungen zutreffen, wäre das kein kleines Kommunikationsproblem, sondern ein strukturelles Thema.
Bitte nicht falsch verstehen: Ich möchte nicht sagen, dass unterhalb der ersten Frauenmannschaft gar nichts ankommt. Das ist definitiv nicht der Fall und somit wäre eine solche Aussage auch falsch. Aber die Unterschiede sind schon eklatant. Und ja, so deutlich muss ich es auch sagen: Ich glaube, dass sich auch manch Verantwortlicher beim VfB gerne im Lichte des Erfolgs der ersten Mannschaft sonnt und dabei den „Unterbau“ geflissentlich übersieht.
Einen eigenen Beitrag könnte ich auch noch darüber schreiben, wie das „Projekt“ damals zusammen mit dem VfB Obertürkheim begonnen wurde. Damals hieß es:
Die Basis für die inhaltliche Aufbauarbeit der VfB Frauenfußballabteilung steht ebenso wie die Unterstützung der in Obertürkheim verbliebenen Mädchen- und Frauenteams durch den VfB. (Quelle)
Die Realität: Was als Aufbauarbeit angekündigt wurde, hat in Obertürkheim offenbar eher zu einem schmerzhaften Substanzverlust geführt.
Also: Der Fußball der Frauen und Mädchen beim VfB ist kein zeitlich begrenztes Projekt. Er ist ein Teil des Vereins. Wenn der VfB diesen Anspruch ernst meint, muss er sich auch im Alltag zeigen: in Kommunikation, Infrastruktur, Sichtbarkeit und Wertschätzung. Nicht nur bei der ersten Mannschaft, nicht nur im Moment des Erfolgs, sondern in der gesamten Struktur. Bitte behandelt ihn auch so.