Manchmal braucht es im Fußball erstaunlich wenig, bis aus einer Beobachtung ein Problem wird. Ein paar Spiele ohne Tor, ein Gerücht über einen möglichen Wechsel, eine vermeintliche Unzufriedenheit des Trainers, und schon beginnt sich eine Geschichte zu verselbstständigen. Genau das konnte man beim VfB in den vergangenen Wochen und Monaten gleich mehrfach beobachten. Besonders deutlich wurde es zuletzt bei Deniz Undav, als Sebastian Hoeneß auf der Pressekonferenz vor dem Europapokalspiel gegen Viking Stavanger ungewöhnlich klar Stellung bezog. Ihm gehe die Diskussion um Undavs angebliches Formtief zu schnell, sagte der VfB-Trainer sinngemäß, und irgendwann müsse er eben einmal „einen Pflock reinsetzen“.
Das Bemerkenswerte daran war weniger, dass ein Trainer seinen Spieler öffentlich schützt. Das gehört zu seinem Job und wäre für sich genommen kaum einen längeren Gedanken wert. Interessanter war vielmehr, wogegen Hoeneß seinen Spieler eigentlich verteidigte. Denn wir sprechen über einen Stürmer, der in der vergangenen Bundesligasaison 19 Tore erzielt hatte, mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft erfolgreich gewesen war und nun wenige Wochen später nach einigen torlosen Pflichtspielen bereits mit Begriffen wie „Formtief“ konfrontiert wurde. Natürlich darf darüber gesprochen werden, wenn ein Stürmer nicht trifft. Natürlich gehört Kritik zum Profifußball. Aber es macht einen Unterschied, ob man eine aktuelle Leistung beschreibt oder ob man aus wenigen Spielen bereits eine größere Geschichte konstruiert.
Wer macht aus einer Formdelle eine Krise?
Und genau an dieser Stelle wird die Sache interessant. Denn solche Geschichten entstehen nicht immer einfach aus einer bereits vorhandenen Stimmung unter den Fans, die anschließend von Journalisten aufgegriffen wird. Manchmal verläuft der Weg genau andersherum. Eine journalistische Bewertung oder ein Bericht setzt zunächst ein Thema. Dieses wird von anderen Medien übernommen, in sozialen Netzwerken und Foren diskutiert, dort weiter vereinfacht und häufig auch zugespitzt. Wenig später existiert tatsächlich eine wahrnehmbare Stimmung unter Fans. Und irgendwann wird genau diese Stimmung wiederum zum Gegenstand der Berichterstattung. Das ist kein theoretisches Gedankenspiel. Beim VfB lässt sich dieser Mechanismus in jüngster Zeit ziemlich gut beobachten.
Das vielleicht deutlichste Beispiel ist Ermedin Demirović. Im Sommer tauchten Berichte auf, Sebastian Hoeneß sei intern offen für einen Verkauf seines Stürmers. Es wurden mögliche Interessenten genannt, über Ablösesummen diskutiert und sehr schnell stand die grundsätzliche Zukunft Demirovićs beim VfB zur Debatte. Innerhalb kürzester Zeit war aus einer zunächst berichteten Information eine öffentliche Geschichte geworden: Passt Demirović noch zum VfB? Ist er unter Hoeneß überhaupt noch gesetzt? Will der Trainer einen anderen Stürmertyp? Sollte man ihn verkaufen, solange sich noch eine entsprechende Ablöse erzielen lässt?
Das Problem daran: Hoeneß selbst widersprach dieser Darstellung anschließend ausgesprochen deutlich. Er sei über das, was teilweise diskutiert worden sei, „irritiert“ und „verärgert“ gewesen und bezeichnete Demirović ausdrücklich als einen der besten Spieler des VfB. Auch der Spieler selbst stellte klar, dass er bleiben wolle. Spätere Entwicklungen zeigten zwar, dass es durchaus einen realen Transfermarkt für Demirović gab und gegen Ende der Transferperiode auch konkrete Möglichkeiten eines Wechsels bestanden. Das ändert aber nichts an dem entscheidenden Punkt: Die ursprüngliche Geschichte lautete eben nicht nur, andere Vereine könnten an Demirović interessiert sein. Im Raum stand auch die Behauptung, sein eigener Trainer könne oder wolle ihn abgeben. Und genau dieser Darstellung widersprachen sowohl Trainer als auch Spieler.
Wie sehr eine solche Diskussion einen Spieler treffen kann, hat Demirović später selbst beschrieben. Er sprach von schlaflosen Nächten und davon, dass bereits im Trainingslager die Behauptung verbreitet worden sei, der Trainer wolle ihn verkaufen. Obwohl die Situation intern offenbar relativ schnell geklärt werden konnte, begann er nach eigener Aussage irgendwann selbst darüber nachzudenken, ob er beim VfB überhaupt noch erwünscht sei.
Dieser Punkt sollte eigentlich zu denken geben. Denn damit geht es nicht mehr nur um die übliche Begleitmusik eines milliardenschweren Unterhaltungsgeschäfts. Es geht um die Frage, welche Wirkung eine öffentliche Erzählung entfalten kann, wenn sie oft genug wiederholt wird. Eine zunächst ungesicherte Information wird zur Schlagzeile, die Schlagzeile wird zur Diskussion und die Diskussion erzeugt irgendwann ihre eigene Realität. Selbst der Betroffene beginnt sich mit einer Situation auseinanderzusetzen, die womöglich in dieser Form überhaupt nicht existiert hat.
Kritischer Journalismus ja. Aber mit welcher Verantwortung?
Dabei wäre es zu einfach, daraus eine grundsätzliche Abrechnung mit Journalismus zu machen. Auch im Fußball gehört es selbstverständlich zur Aufgabe von Medien, Entwicklungen kritisch zu begleiten, Informationen aus dem Umfeld eines Vereins zu recherchieren und auch Dinge öffentlich zu machen, die ein Klub selbst lieber intern halten würde. Niemand sollte ernsthaft eine Berichterstattung wollen, die lediglich Pressemitteilungen eines Vereins wiedergibt. Auch Transferinformationen sind nicht automatisch unseriös, nur weil sie später nicht zu einem Wechsel führen. Ein Verein kann seine Meinung ändern, Verhandlungen können scheitern und Spieler können Angebote ablehnen.
Trotzdem sollte man sich die andere Seite dieser Mechanismen ebenso genau ansehen. Denn gerade im permanenten Wettbewerb um Aufmerksamkeit entsteht ein erheblicher Anreiz, aus einer Entwicklung möglichst schnell eine Geschichte zu machen. „Undav hat seit drei Spielen nicht getroffen“ ist eine sachliche Feststellung. „Undav steckt im Formtief“ enthält bereits eine Interpretation. Von dort ist der Weg zu einer vermeintlichen Krise nicht mehr besonders weit. Ähnlich verhält es sich bei Transfers. Zwischen „Verein X interessiert sich für Spieler Y“ und „Trainer möchte Spieler Y verkaufen“ liegt journalistisch ein ziemlich großer Unterschied. Für die anschließende Debatte unter Fans kann dieser Unterschied allerdings innerhalb weniger Stunden verschwinden.
Das liegt auch daran, wie Fußball heute konsumiert wird. Ein erheblicher Teil der öffentlichen Diskussion findet nicht mehr im ausführlichen Artikel statt, sondern in Überschriften, Pushmeldungen, kurzen Social-Media-Beiträgen und Kommentaren. Einschränkungen und Konjunktive gehen dabei schnell verloren. Aus „soll intern offen für einen Verkauf sein“ wird in der Diskussion „Hoeneß will ihn loswerden“. Aus einer vorübergehenden Torflaute wird ein „Formproblem“. Je häufiger solche Aussagen anschließend wiederholt werden, desto selbstverständlicher erscheinen sie.
Und dann beginnt eine interessante Rückkopplung. Fans reagieren auf eine Geschichte, teilweise durchaus heftig. Andere Fans greifen diese Reaktionen auf. Die Debatte wird größer. Und irgendwann lässt sich journalistisch vollkommen korrekt feststellen, dass es „Diskussionen unter den Fans“ gebe oder ein Spieler „bei Teilen des Umfelds kritisch gesehen“ werde. Nur gerät dabei leicht aus dem Blick, dass die ursprüngliche Diskussion womöglich erst durch die mediale Erzählung entstanden oder zumindest entscheidend verstärkt worden ist.
Genau darin liegt meines Erachtens eine berechtigte Form der Medienkritik. Nicht in der Behauptung, Journalisten würden bewusst Geschichten erfinden oder gezielt Stimmung gegen einzelne Spieler machen. Das wäre pauschal, kaum belegbar und würde letztlich selbst wieder mit genau jener Vereinfachung arbeiten, die man kritisiert. Sehr wohl darf man aber fragen, wie groß der Anteil der Berichterstattung daran ist, dass bestimmte Narrative überhaupt entstehen und sich verfestigen. Wer eine Geschichte setzt, trägt auch Verantwortung dafür, wie belastbar ihre Grundlage ist und wie deutlich zwischen Information, Interpretation und Spekulation unterschieden wird.
Gerade beim VfB lohnt sich diese Frage momentan besonders. Denn sowohl bei Undav als auch bei Demirović trifft die öffentliche Debatte Spieler, deren sportlicher Wert für den Verein kaum ernsthaft bestritten werden kann. Demirović hat seit seinem Wechsel regelmäßig Tore erzielt und war in unterschiedlichen Phasen ein wichtiger Faktor. Undav kommt aus einer Saison mit 19 Bundesligatoren. Trotzdem reicht offenbar eine vergleichsweise kurze Phase, um die Wahrnehmung beinahe vollständig auf den aktuellen Moment zu reduzieren.
(Nebenbei: Dass Demirović mit einem Dreierpack im ersten Champions League-Spiel all den „Hatern“ gezeigt hat was er kann, freut mich besonders. Vor allem für ihn persönlich!)
Wie schnell Fußball vergisst
Vielleicht ist das sogar das grundsätzlichere Problem hinter diesen beiden Fällen. Fußball vergisst heute unglaublich schnell. Eine starke Saison besitzt in der öffentlichen Bewertung manchmal eine erstaunlich kurze Halbwertszeit. Drei oder vier schwächere Spiele können ausreichen, damit plötzlich nicht mehr darüber gesprochen wird, was ein Spieler über Monate geleistet hat, sondern darüber, ob mit ihm etwas grundsätzlich nicht stimmt. Das ist nicht allein ein Medienphänomen. Auch wir Fans beteiligen uns daran.
Und deshalb wäre es ebenso falsch, sämtliche Verantwortung bei Journalisten abzuladen. Kein Artikel und keine Schlagzeile zwingt jemanden dazu, einen Spieler in sozialen Netzwerken persönlich anzugehen, ihn zu beleidigen oder nach wenigen schwächeren Auftritten grundsätzlich infrage zu stellen. Wer sich daran beteiligt, trägt selbst Verantwortung für das, was er schreibt. Gerade als Fans sollten wir uns vielleicht häufiger fragen, wie schnell wir bereit sind, eine gerade angebotene Erzählung zu übernehmen, wenn sie zu dem passt, was wir nach einem schlechten Spiel ohnehin fühlen.
Mediale Verantwortung entschuldigt keine Entgleisungen von Fans. Umgekehrt entbindet das Verhalten einzelner Fans Medien aber auch nicht von der Verantwortung für das Framing, mit dem eine Debatte möglicherweise begonnen hat.
Vielleicht war deshalb Hoeneß‘ kleine Brandrede für Deniz Undav wichtiger, als sie auf den ersten Blick wirkte. Er hat nicht verlangt, seinen Spieler von Kritik auszunehmen. Er hat vielmehr eine Grenze gezogen zwischen berechtigter sportlicher Bewertung und einer Geschichte, die sich innerhalb kürzester Zeit größer entwickelt als ihr tatsächlicher Anlass.
Das sollte auch uns als Fans interessieren. Nicht, weil Spieler des VfB grundsätzlich vor Kritik geschützt werden müssten. Sondern weil Kritik nur dann etwas wert ist, wenn sie sich mit dem beschäftigt, was tatsächlich passiert. Und nicht mit einer Geschichte, die irgendwann so oft erzählt wurde, dass niemand mehr genau weiß, wo sie eigentlich angefangen hat.
Vielleicht lohnt es sich deshalb beim nächsten angeblichen Formtief, Transferdrama oder Problemfall kurz innezuhalten und eine ziemlich einfache Frage zu stellen: Wer hat dieses Thema eigentlich zuerst zu einem gemacht?